Würfel – Pixel – Panorama: Patricija Gilyte und das süße Nürnberg

(über GalleryTalk Review)

Patricija Gilyte ( *1972, Kaunas, Litauen) lässt aus dem kleinsten Bildbestandteil große Panoramen entstehen. Ob aus Zucker oder Schaumstoff, der Würfel oder Pixel ist Grundmodell für die Werke der Ausstellung „Code Cinemascope“ im Galeriehaus Nord.

Patricija Gilyte mit der „KAISERKRONE_Geburtstagstorte“, Würfelzucker / Marke Südzucker, geklebt, 2013, © Foto: Galeriehaus Nord

Weiße Zuckerwürfel auf weißer Galeriewand formen eine Kuppel, die von einem Kreuz bekrönt wird. Es könnten die Umrisse einer Kirchenkuppel sein, die in ihren architektonischen Umrissen sichtbar wird. Gilyte hingegen verrät im Titel „KAISERKRONE_Geburtstagstorte“, dass sie ihren süßen Werken humorvoll gegenübertritt.
An den geklebten Zuckerwürfeln selbst wird nichts verändert, sie werden nicht geglättet oder der Architektur angepasst. Die würfeligen Kristalle heben sich reliefartig vom Untergrund ab. Ein unauffälliges Werk, das fast ertastet werden möchte. Von den gezeigten Werken hebt es sich durch das stahlende Weiß ab.

Patricija Gilyte: Werkdetail aus der Serie „SALZBURG_UMRAHMT“, Würfelzucker / Marke Wiener Zucker und Sprühlack auf Holz, 2012, Foto: © Constanze Hofmann

Die Würfel der „Salzburg-Reihe“ sind in zarten Schattierungen von weiss bis gelblich oder grau bis schwarz koloriert. Ihre Wirkung entfalten die Aneinanderreihungen der Würfel erst auf die Ferne: Sie werden zu Pixeln, die ein Stadt- oder Landschaftspanorama oder formen. „SALZBURG_UMRAHMT“ ist stilecht aus Zucker der Marke „Wiener Zucker“ gefertigt und geht an die Thematik der Schattierungen an: Aquarellartig fließen die grauen, weißen und beigen Töne zu einer abgestuften Landschaft zusammen.

Das „Münster_sub Monte“ bildet durch dunkle Würfelchen zarte Linien aus, die sich zu einer gotischen Turmspitze verdichten. Die filigrane Struktur, die keinen Rahmen besitzt, hebt sich von der planen Wandfläche ab, wie die spezifischen Konturen der Gotik gegen den Himmel.

Patricija Gilyte: Münster_sub Monte, 2012, Foto: © Constanze Hofmann
Patricija Gilyte: Münster_sub Monte, 2012, Foto: © Constanze Hofmann

Das Nürnberger Stadtpanorama „NUREMBERG_Uphill Würfelzuckerstich“ nimmt in der Ausstellung den meisten Raum ein, es beansprucht eine Wandseite für sich. Interessant dabei: Die Wand begrenzt das das Nürnberger Stadtpanorama als Rahmen und bietet dem Betrachter Orientierung.

Patricija Gilyte: NUREMBERG_Uphill Würfelzuckerstich, Polyurethan- und Schaumstoffwürfel, 2013, Foto: © Constanze Hofmann
Patricija Gilyte: NUREMBERG_Uphill Würfelzuckerstich, Polyurethan- und Schaumstoffwürfel, 2013, Foto: © Constanze Hofmann

Ist das wirklich Nürnberg? Augenscheinlich, ja: Eine zentrale Würfelansammlung wird zum Identifikationsindiz, ihre grauschattierten Kennlinien ziehen sich über den oberen Teil der Darstellung und markieren den langen Baukörper, der sich auf dem Burgberg erstreckt.  Ein Turm mit Erker daneben sticht am deutlichsten hervor. Es könnte das Nassauer Haus sein, das auf dem hoch gelegenen Lorenzer Platz den Blick zur Burg freigibt. Die drei weiteren Türme, die sich in der Stadtansicht finden, deuten auf die Wehrtürme der Stadtmauer, die die Altstadt umfasst. Parallele, vertikale Linien mit benachbarten  spitzzulaufenden Gebilden können auf die Lorenzkirche deuten. Viele horizontale, bildparallele Linien mit spitzen Ausbuchtungen verweisen auf das Häusermeer der Altstadt.
Ist das nun Nürnberg? Vielleicht: Gilyte verarbeitet keine Postkartenansicht von Burg und Stadt. Vielmehr werden Eindrücke Pixel für Pixel gesammelt, vergröbert und zu einer geordneten Sammlung an Kennpunkten verarbeitet, die das menschliche Gehirn mit bekannten Erinnerungen vergleicht. Gylite spielt Memory: Sie gibt ein Bildraster vor – den Rest des Bildes füllt die Fantasie des Betrachters aus.

Patricija Gilyte: AUSSICHT AUF DIE BURG 1830-2013_Würfelzuckerstich, Würfelzucker, Lack auf Holzrahmen, 2013, Foto: © Constanze Hofmann
Patricija Gilyte: AUSSICHT AUF DIE BURG 1830-2013_Würfelzuckerstich, Würfelzucker, Lack auf Holzrahmen, 2013, Foto: © Constanze Hofmann

Stadtansichten, möglichst mit den berühmtesten Denkmälern des Ortes, unter romantischen Lichtverhältnissen, sind der aussterbenden Art der Postkarte untrennbar verbunden. Gilyte hingegen will die Stadt nicht abbilden. Sie fordert das Erinnerungsvermögen des Betrachters heraus und fragt: Wieviel muss erkennbar sein oder was kann weggelassen werden, um die Identifikation nicht zu gefährden?
Die  „AUSSICHT AUF DIE BURG 1830-2013_Würfelzuckerstich“ setzt andere Akzente als die wandbreite Anordnung von „NUREMBERG_Uphill“. Neben den Umrissen der Burg hebt sich die Sebalder Kirche dunkel ab. Obwohl die Würfel äußerst bedacht platziert wurden, wirkt der Würfelzuckerstich zufällig, denn die süßen Pixelwürfel gliedern die Komposition durch horizontal angeordnete Linien, zwischen denen vertikale Gebilde als Gebäude hervortreten.

Michel Wolgemut, Wilhelm Pleydenwurff : Holzschnitt von Nürnberg aus der Schedel'schen Weltchronik, Blatt 99v/100r, 1493.
Holzschnitt von Nürnberg aus der Schedel’schen Weltchronik, Blatt 99v/100r, 1493.

Damit ist Gilytes Werk ein wenig mit  der Ansicht Nürnbergs der Schedelschen Weltchronik von 1443 verwandt: Ein Holzschnitt der berühmten Nürnberger Künstler Michel Wolgemut und Wilhelm Pleydenwurff zeigt Nürnberg samt Wahrzeichen. Auf die Wiedererkennung wurde penibel geachtet: Sankt Lorenz und Sankt Sebald sind sogar beschriftet, um jegliche Verwechslung auszuschließen.

Gilyte setzt ihren Fokus anders: Nicht das exakte Erkennen ist von Bedeutung, sie macht auf die Rasterhaftigkeit des Sehens aufmerksam. Es bleibt noch eine Frage zu klären: Was ist eigentlich der „Code Cinemascope“? Cinemascope ist eine veraltete Filmtechnik der fünfziger Jahre, die Filme als starkes Breitformat auf die Leinwand projezierte. Gilytes Würfel, die wie Pixel daherkommen, wirken wie die Enkel einer veralteten Filmtechnik und verweisen auf ein überzeitliches Moment, das der Ausstellung innewohnt.

Die Nürnberg-Ausstellung ist nichts für Verehrer der romantischen Stadtansichtskarte, dafür ist sie zu komplex. Für Freunde der zeitgenössischen Auseinandersetzung mit der eigenen Stadt, ungewöhnlicher Materialien und eigenen Ansichten ist sie jedoch sehenswert.

WANN: Ausstellung vom 14.7. – 18.9.2013
WO: GALERIEHAUS NORD, Wurzelbauerstr. 29, 90409 Nürnberg

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